»Katastrophe in Amerika: Öl – ohne Ende«

31.05.2010

Es ist der Moment, auf den Europa gewartet hat. Die einschneidende Erfahrung, die den Amerikanern die Augen dafür öffnen soll, warum sie ihren Umgang mit Energie und Natur verändern müssen. Die USA erleben die wohl größte Umweltkatastrophe ihrer Geschichte. Präsident Barack Obama nennt die Ölpest im Golf von Mexiko ein „beispielloses Desaster“.

Wird sie zum Wendepunkt? Viele Deutsche halten das für unausweichlich. Es spricht freilich vieles dafür, dass sie enttäuscht werden. Der Unfall und seine Folgen erweisen sich eher als erneuter Beleg, wie unterschiedlich Amerikaner und Deutsche denken.

Schon in den ersten Tagen nach der Explosion der Ölplattform „Deepwater Horizon“ fiel auf, dass die Empörung und die Betroffenheit über das Unglück in Deutschland größer waren als in den USA. Generell neigen Amerikaner weniger zur Dramatik und sehen die Zukunft hoffnungsvoller als Deutsche. Sie können sogar ausgesprochen sauer reagieren, wenn sie das Gefühl haben, Gefahren würden übertrieben. Anfangs berichteten die Medien in den USA wie in Europa, die Verseuchung des Mississippi-Deltas stehe unmittelbar bevor. Als Vorlage der zu erwartenden Bilder diente der Unfall des Tankers „Exxon Valdez“ 1989 vor Alaska: Zehntausende Tiere starben damals, schwarzer Schlick verseuchte viele Kilometer Strand. Doch der Untergang einer Bohrinsel 70 Kilometer vor der Küste in 1500 Meter Wassertiefe hat offenbar andere Auswirkungen als ein Tankerunfall – oder ein Bohrinsel-Unglück in der Nordsee, die nur 70 bis 120 Meter tief ist.

Die befürchteten Szenen traten zunächst nicht ein. Der Ton der US-Medien wurde ruhiger. Die meisten Amerikaner wandten sich anderen Themen zu, wie der neuen Terrorgefahr durch die Autobombe am Times Square in New York.

Fünf Wochen vergingen, ehe die Ölpest in den USA als ein bedeutendes Ereignis von nationaler Tragweite ankam. Dafür musste sich die Dramatik der Ereignisse auf drei Gebieten parallel zuspitzen. Die letzten Mai-Tage präsentierten die großen Fernsehanstalten als Schicksalstage der Nation. Nach mehrfachen Misserfolgen bei seinen Versuchen, das Leck im Meeresboden zu stopfen und einen Teil des austretenden Öls einzufangen, leitete BP, erstens, die Aktion „Top kill“ ein. Dazu wurde schwerer Bohrschlamm in das Loch gepumpt, um so nach und nach von oben den Druck auszugleichen, mit dem Öl und Gas von unten aus der Lagerstätte drücken. Sobald ein Gleichstand erreicht ist, tritt kein Öl und Gas mehr aus und kann das Loch mit Zement von außen versiegelt werden. (Anmerkung der Redaktion: Der erhoffte Stop des Ölaustritts wurde nicht erreicht, und so wird die Operation "Top-Kill" ad acta gelegt zu den anderen misglückten Lösungsversuchen. Wie heute vermeldet wird, ist ein neuer Lösungsansatz in Arbeit. Am meisten Erfolg verspricht man sich jedoch von der Bohrung eines Entlastungsloches, das allerdings erst im August fertig gestellt werden wird.)

Zweitens erreichte die Ölpest an immer mehr Stellen Strandabschnitte und setzte sich damit auch optisch als drängende Bedrohung im Bewusstsein der US-Bürgern fest. Drittens wuchs die Kritik an der Regierung Obama. Er kündigte verschärfte Regeln für die Ölindustrie an und verhängte einen Stopp neuer Bohrgenehmigungen für die kommenden sechs Monate. Am Freitag flog er zum zweiten Mal an den Golf, um zu beweisen, dass der „Commander in Chief“ sich persönlich kümmert.

Doch schon zuvor hatte sich gezeigt, dass die amerikanische Gesellschaft und der amerikanische Gesetzgeber anders auf solche Unglücke reagieren, als es die Deutschen auf Grund ihrer heimischen Erfahrungen erwarten. Eine Umweltkatastrophe dieser Dimension in Kombination mit einem Ölkonzern, der seine Schätzungen über das Ausmaß des Desasters wiederholt korrigieren muss, hätten in Europa wohl eine Boykottaktion ausgelöst.

Wie 1995. Da hatte Greenpeace den Plan der Firma Shell, den ausgedienten Öltank „Brent Spar“, der als Zwischenlager gedient hatte, in der Nordsee zu versenken, als Anlass für den Aufruf genommen, nicht bei Shell zu tanken. Viele folgten. Der Konzern gab nach und schleppte die „Brent Spar“ in einen Hafen zur Entsorgung. Fast alles war damals anders. Greenpeace musste zugeben, dass es die schädlichen Rückstände im Tank weit übertrieben hatte. Die Anrainerstaaten beschlossen gleichwohl, die Versenkung von Plattformen zu verbieten.

In Amerika ist es umgekehrt: Hier muss BP gestehen, dass es das Ausmaß der Ölpest untertrieben hat, und erntet den Vorwurf, es verschleiere eine Katastrophe. Doch eine breite Boykottbewegung folgt nicht.

Präsident Barack Obama und der US-Kongress nutzen die Situation auch nicht, um Politik und Gesetze dynamisch zu verändern, wie Greenpeace es seinerzeit mit der „Brent Spar“ tat.

Im Gegenteil, die Reform verzögert sich. Vor dem Ölunfall bestanden Aussichten, dass der Kongress ein neues Energiegesetz mit einigen Klimaschutzklauseln 2010 verabschiedet. Inzwischen ist die Chance vertan. Das liegt nicht allein am Öldesaster, sondern auch an anderen Faktoren. Aber der Unfall dient den Gegnern als Vorwand. Man müsse die Ergebnis der Ermittlungen abwarten, heißt es.

Für europäische Ohren klingt da vieles paradox. Die Rechte, die sonst möglichst wenig Staat fordert, ruft nun nach mehr Staat – sie behauptet, die Regierung habe bei der Kontrolle der Ölkonzerne versagt. Dabei waren es Republikaner, die der Regierung mit industriefreundlichen Gesetzen die Fesseln anlegten, die nun ein schärferes Durchgreifen verhindern.

Es ist auch höchst fraglich, dass BP für alle Folgen aufkommt. Die Haftung einzelner Konzerne ist pro Unglück auf 75 Millionen Dollar begrenzt. Andererseits gibt es bereits, was im Finanzsektor per Bankenabgabe erst geplant wird: einen Haftungsfonds, in den alle Ölkonzerne seit Jahren einzahlen. Er enthält gerade mal 1,6 Milliarden Dollar.

Generell richtet sich der Unmut der Bürger in den USA mindestens so sehr gegen den Staat wie gegen die Ölindustrie. In Deutschland wäre das anders. Auch dahinter stecken tief sitzende Überzeugungen. Die meisten Amerikaner halten es mit Ronald Reagan: Die Regierung ist das Problem, nicht die Lösung. Der Glaube an die Segnungen der Privatwirtschaft ist dagegen groß.

Dabei hat die Regierung durchaus besonnen und rational gehandelt. Als Innenminister Salazar seiner Frustration mit der Drohung Luft machte, BP „auf die Seite zu schieben“, widersprachen Obamas Krisenmanager. Erstens wolle man BP nicht aus der Verantwortung entlassen. Zweitens hat die Regierung weder bessere Geräte noch größeres Fachwissen. Sie könnte das Leck gar nicht selbst stopfen.

Auch das grundsätzliche Kalkül der Energiepolitik hat sich nicht verändert. Die USA wollen ihre Abhängigkeit von Ölexporten aus der muslimischen Welt verringern. Und sie haben, anders als Deutschland, den Luxus, dass sie die Hälfte ihres Ölverbrauchs im eigenen Land und vor dessen Küsten fördern können. Amerikas Antwort auf die Umweltkatastrophe ist nicht der Verzicht auf das Öl. Sondern der Ansporn, Fördertechniken und Sicherheitsvorkehrungen zu verbessern.

Von Christoph von Marschall, Berliner Tagesspiegel, Washington D.C.

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