Persönliches: »Ambassador to ALL Germans«

12.04.2010

US-Botschafter Philipp D. Murphy
US-Botschafter Philip D. Murphy über seine Berufung als amerikanischer Botschafter, seine Beziehung zu Deutschland und sein Anliegen, die Jugend zu erreichen. (Das Interview führte Jiffer de Bourguignon, freie Autorin aus Hamburg für den Amerika Haus e.V. NRW.)

JB:
Sie sind nicht neu in Deutschland – Sie waren von 1993-1997 für Goldman Sachs in Frankfurt. Wie fühlt es sich an, wieder hier zu sein?

Botschafter Murphy: Großartig. Wir lieben es. Wir haben in den Neunzigerjahren in Frankfurt gelebt, das war eine außergewöhnliche Erfahrung. Noch Jahre danach hofften wir auf irgendeine Möglichkeit, um mit unseren Kindern nach Deutschland zurückkehren zu können, so dass sie es selbst erleben würden. Es bot sich nichts wirklich Sinnvolles an, und dann ergab sich ganz unerwartet die Chance, hier Botschafter zu werden. Es ist toll, wieder hier zu sein.

JB: Sie haben Ihre ganze Familie – Ihre Frau und vier Kinder – nach Berlin mitgebracht. Wie haben sie sich eingelebt?

Botschafter Murphy: Wir leben uns wunderbar ein. Wir machen viele Reisen in Deutschland. Wir lieben Berlin, aber wir lieben auch den Rest des Landes. Wir reisen durch Deutschland sooft es geht. Ich reise natürlich auch beruflich sehr viel innerhalb Deutschlands. Meine Frau Tammy begleitet mich häufig, wenn ich beruflich unterwegs bin, und wir sechs als Familie unternehmen sehr viel im ganzen Land.

JB: Apropos zu Hause, ich habe gehört, dass Sie und Ihre Familie fußballbegeistert sind. Können Sie häufig zu Spielen gehen? Sie genießen es sicher, in einem Land zu sein, in dem Fußball so eine beliebte Sportart ist.

Botschafter Murphy: Wir gehen zu wahnsinnig vielen Spielen. Wir lieben diesen Sport. Meiner Frau und mir gehört sogar die Frauenmannschaft New Jersey/New York Sky Blue, die gerade den US-Meistertitel hält. Ich war Mitglied im Vorstand des amerikanischen Fußballverbandes und engagiere mich in verschiedenen Bereichen, die mit Fußball zu tun haben. Meine Kinder spielen alle Fußball. Wir spielen auch als Familie. Wir gehen zu vielen Spielen, Männer- und Frauenfußball. Natürlich in Berlin, aber auch im Rest des Landes. Im März waren wir zum Beispiel bei einem Spiel in Wolfsburg. Im April gehen wir zu einem Spiel in Frankfurt. Wir kommen also herum, und das gefällt uns sehr.

JB: Welche Mannschaft feuern Sie an?

Botschafter Murphy: Wir haben eine Regel: Wir feuern immer die jeweilige Heimmannschaft an. Mein Sohn hat mir bewusst gemacht, dass ich Probleme bekomme, wenn ich zu sehr auf Berlin fixiert bin. Darum feuern wir immer die jeweilige Heimmannschaft an, egal, wo wir gerade sind, das ist unsere eiserne Regel.

JB: Das klingt sehr diplomatisch. Was mich zu meiner nächsten Frage bringt: Bisher haben Sie eher im Finanzsektor Karriere gemacht. Wie gehen Sie mit dem Übergang in den diplomatischen Dienst um?

Botschafter Murphy: Ich habe vor vielen Jahren an der Wall Street aufgehört und seitdem private Investitionen getätigt und mich im gemeinnützigen Bereich engagiert, und dann war ich Vorsitzender für die Finanzangelegenheiten des Nationalen Ausschusses der Demokraten. Es ist schon eine Weile her, dass ich im Finanzsektor tätig war. Aber es gibt natürlich grundlegende Dinge, Fähigkeiten und Urteilskraft, die man in der Privatwirtschaft braucht und die auch für meine jetzige Position relevant sind. Menschenverstand – wie findet man Gemeinsamkeiten mit Menschen und nutzt diese dann zum beiderseitigen Vorteil? Andererseits sind die Dinge, mit denen ich mich hier befasse, von deutlich größerer Wichtigkeit. Häufig haben sie etwas mit den guten Beziehungen zwischen den Vereinigten Staaten und Deutschland zu tun. Es sind oft Dinge, die die Menschheit als Ganzes betreffen, nicht nur die Vereinigten Staaten und Deutschland. Die Wichtigkeit dieser Dinge – darin liegt ein großer Unterschied.

JB: Sie haben gesagt, dass Sie sich selbst als "Botschafter für ganz Deutschland" sehen und haben ziemlich hektische Reisepläne – ich habe gehört, dass Sie an drei von fünf Tagen je Arbeitswoche unterwegs sind. »Würden Sie uns eine typische Arbeitswoche von Ihnen beschreiben? Wohin gehen Sie, wen treffen Sie dort, in welcher Form engagieren Sie sich hier und so weiter?

Botschafter Murphy: Drei von fünf Tagen ist ein bisschen übertrieben, es sind wohl eher zwei von fünf. Diese Woche bin ich zum Beispiel größtenteils in Berlin. Am Wochenende werde ich in München sein, aber das ist eine private Reise - mein Sohn hat dort ein Basketballspiel, das ich mir ansehen werde. Wenn ich außerhalb Berlins unterwegs bin, besuche ich oft eines unserer amerikanischen Konsulate, wenn in der Stadt, die ich besuche, eines ist. Ich gebe oft Town Hall Meetings, Veranstaltungen, bei denen ich den Menschen von einigen unserer Initiativen erzähle und ihre Fragen beantworte. Ich tue viel um mit Schülern und Studenten ins Gespräch zu kommen und treffe mich regelmäßig mit Unternehmensvertretern. Ich versuche, Gewerkschaftsvertreter zu treffen; in Berlin und andernorts treffe ich führende Regierungs- und Oppositionspolitiker, wann immer das möglich ist. Ich gehe oft zu Kulturveranstaltungen und halte Reden. Was mit den deutsch-amerikanischen Beziehungen zu tun hat, spricht mich besonders an. Unsere Streitkräfte spielen da häufig auch eine Rolle. Ich mache die unterschiedlichsten Dinge. In Berlin bin ich sehr viel in den Ministerien, im Kanzleramt und im Bundestag. Außerdem habe ich in Berlin sehr oft interne Sitzungen in der Botschaft. Ich habe regelmäßige Deutschstunden. Ich nehme Sprachunterricht. Und ich tue alles menschenmögliche, um viel Zeit mit meiner Familie zu verbringen. Unsere Kinder sind noch jung, und das sind sie nur einmal. Ich nehme das sehr ernst, genau wie Tammy. Das hat für uns ganz hohe Priorität.

JB: Sie sagten gerade, dass ihre Familie für Sie persönlich sehr wichtig ist. Gibt es auf beruflicher Ebene ein Thema oder einen bestimmten Bereich, der Ihnen am Herzen liegt oder in dem Sie sich als Botschafter besonders engagieren möchten?

Botschafter Murphy: Abgesehen von all den Themen, mit denen wir konfrontiert sind – Afghanistan, Iran, der Nahe Osten, Frieden, Wirtschaft, Klimawandel, Energiesicherheit und so weiter – liegt mein Fokus auf den Jugendlichen. Wenn Sie mich begleiten würden, wären Sie vermutlich erstaunt, wie viel Zeit ich im persönlichen Kontakt mit Jugendlichen verbringe. So gut die Beziehungen zwischen Deutschland und den Vereinigten Staaten heute auch sein mögen – meine simple Theorie ist, dass ein junger Mensch in Westdeutschland vor 50 Jahren ein sehr lebhaftes und, wie ich glaube, beinahe überwältigend positives Bild von den Vereinigten Staaten hatte – durch unsere militärische Präsenz, durch die Amerika-Häuser, durch unsere Leseräume. Kurz gesagt, aufgrund unserer ausgedehnten Präsenz in Deutschland und ganz besonders in Berlin.

Glücklicherweise ist die Bedrohung des Kalten Krieges vorbei und die Mauer verschwunden – eine der großen Entwicklungen der modernen Geschichte. Aber dieser positive Wandel bringt eine Herausforderung mit sich: Wir haben heute nicht mehr so viele Amerika-Häuser, es gibt keine Leseräume mehr, es gibt keine offensichtliche Bedrohung mehr und auch keine Sätze wie "Wir wohnten neben einer amerikanischen Familie, die hier stationiert war, und die Kinder waren meine besten Freunde" – eine Geschichte, die ich immer und immer wieder höre. Die offiziellen deutsch-amerikanischen Beziehungen sind heute so eng wie eh und je. Meine und unsere Aufgabe ist es, einen Sinn für ihre Relevanz zu vermitteln, sie in den Augen und Köpfen der jungen Menschen von heute zum Leben zu erwecken. Dann werden sie eines Tages, wenn sie 70 sind, zurückblicken und sagen: "Wir haben tolle Erinnerungen daran, wie Deutschland und die Vereinigten Staaten zusammengearbeitet haben, um die schwierigen Herausforderungen, mit denen die Welt konfrontiert war, zu bewältigen!"

Eine absolut sichere Methode, um diesen Geist am Leben zu erhalten, sind Austauschprogramme. Wir wägen daher sehr genau ab, wer an solchen Programmen teilnehmen sollte und versuchen, sie zu erweitern. Und das funktioniert in beide Richtungen – es ist wichtig, dass Amerikaner nach Deutschland kommen und dass Deutsche in die Vereinigten Staaten gehen. Darauf konzentriere ich mich – darauf, den Kontakt zu deutschen Jugendlichen aufzubauen, auf zahlreichen Ebenen und auf vielfältige Art und Weise.

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