Zwischen Verbundenheit und Abnabelung
24.08.2009
In der Kunstgeschichte der deutschen Nachkriegszeit nimmt Nordrhein-Westfalen eine Vorreiterposition ein. Während der Zeit des Wiederaufbaus erwachte in Deutschland auch nach und nach die brachliegende Kulturlandschaft wieder zu neuem Leben. In den 60-er Jahren kehrten Künstler wie Gerhard Richter und Sigmar Polke der DDR den Rücken und flohen in den Westen. Im Verwaltungsstaat DDR hatten sie sich als junge Kunststudenten abgeschnitten gefühlt von der kulturellen Wiederauferstehung, die sich jenseits der Mauer vollzog. Zudem stand ihre Kunst unter staatlicher Zensur, so dass sie schließlich ihren Weg an die Düsseldorfer Kunstakademie fanden, wo sie sich als Begründer der Malerei des Kapitalistischen Realismus einen Namen machten. Dieser verstand seine Aufgabe darin, den von Konsum und Freizeit gekennzeichneten westdeutschen „realen“ Kapitalismus der 50-er und 60-er Jahre ironisch zu entlarven. In den 60-er Jahren war in Düsseldorf die Energie dieser künstlerischen Gegenbewegung besonders deutlich zu spüren: In der als Wirtschaftsstandort bekannten Stadt bildete sich eine besonders aktive und einflussreiche Kunstszene. Für die meisten Künstler dieser Zeit führte der Weg jedoch noch weiter in den Westen: Sie gingen in die USA und prägten dort eine ganze Kunstgeneration mit.
In den USA produzierten erfreute sich in den 1960-er und 70-er Jahren vor allem die Pop Art enormer Beliebtheit. Die amerikanischen Künster waren hierin äußerst produktiv und machten die USA zum Epizentrum der Kunst. Peter Ludwig legte sich eine kleine Sammlung von Werken zu, die er später der Stadt Köln spendete. Damit wurde der Grundstein für das bis heute wegweisende Museum Ludwig gelegt. Der Kunsthändler Rudolf Zwirner, Mitgründer der Art Cologne im Jahre 1967, soll jedoch der Erste gewesen sein, der die Pop Art nach Deutschland gebracht hat.
Die neugewonnene Freiheit, das kollektive schlechte Gewissen und eine intensive Selbstreflektion in der Nachkriegszeit waren Katalysatoren für diese Dynamik in der Kunstszene der 60-er und 70-er Jahre, die ihren Höhepunkt in den 1980-er Jahren erreichte. NRW spielte in dieser Zeit eine tragende Rolle. Von der Kunstakademie in Düsseldorf über die zahlreichen Galerien in Köln bis hin zu den privaten Sammlern — sie alle verschafften der Kunst einen neuen Stellenwert. In den 1980-er Jahren genoss Köln den Ruf, das nächste internationale Kunstzentrum zu werden. In der New York Times sagte Deborah Solomon gar voraus, Köln würde New York als Kunsthauptstadt der Welt ablösen. Sie schrieb: „Wenn man die Entwicklung der kontemporären Kunst aufmerksam verfolgt, bekommt man häufig das Gefühl, auf eine verzerrte Weltkarte zu schauen, die nur noch aus zwei Ländern besteht, nämlich aus Deutschland und den USA.“
Think global, act local. Au
ch in der Kunst
Ob im Rennen um den Rang der internationalen Kunsthauptstadt oder als Partner, die sich in ihrer Entwicklung gegenseitig positiv verstärken — Deutschland und die USA sind mit ihren Kunstszenen eng verbunden. Ihre jeweiligen Identitäten haben sie sich jedoch bewahrt. So können immer wieder neue Anregungen den Atlantik überqueren und bereichernd wirken. In einer Welt, geprägt von Massenmedien und globaler Flexibilität, in der sich Nachrichten mit der Geschwindigkeit von mehreren hunderttausend Kilometern pro Sekunde verbreiten, in der es schneller geht, von einem Land zum nächsten zu fliegen als in das nächste Bundesland zu fahren, drohen die kulturellen Verschiedenheiten jedoch zu verschwinden, und damit auch die künstlerische Inspiration für Neues. Mittlerweile scheint es möglich zu sein, an jeder Straßenecke zwischen Peking und Berlin einen Burger von McDonald’s und einen Kaffee von Starbuck’s zu erhalten – mit der Garantie, dass beides überall gleich schmeckt. Für den Amerikaner Daniel Hug, Direktor der diesjährigen Art Cologne, ergibt sich daraus, dass man die kulturellen Unterschiede nicht nur bewahren, sondern vor allem unterstreichen sollte. „Die kulturelle Globalisierung macht mich traurig“, sagt er. „Warum sollten wir daran arbeiten, unsere Verschiedenheit zu verlieren?“. Daniel Hug lebt nach dem Motto „global denken – lokal handeln“ und wendet es auch auf den Kunstmarkt in Köln an.
Tatsächlich kamen von den 180 auf der Art Cologne vertretenen Galerien über 100 aus Deutschland, hiervon über die Hälfte aus Nordrhein-Westfalen. Insgesamt waren 22 Länder vertreten, die USA brachten es auf 11 ausstellende Galerien. Der hohe Anteil an deutschen, bzw. lokalen Galerien war beabsichtigt. Dank seiner kulturellen Dichte erfreut sich das Rheinland einer enormen Reputation in Deutschland und der Welt. Die Region weist eine der höchsten Zahlen von Museen pro Einwohner auf, sowie eine Fülle von Kunstsammlern und -Liebhabern. „Ich wollte den Fokus wieder darauf setzen, dass die Art Cologne eine deutsche Messe ist“, erklärt Daniel Hug, „In Deutschland gibt es tausende von Galerien und davon spielen mindestens 250 in der ersten Liga. Wenn ich also eine Kunstmesse mit 180 Ständen plane, sollte ein großer Teil davon aus Deutschland kommen.“
Elf US-amerikanische Galerien zog es trotz wirtschaftlich schlechter Zeiten zur Art Cologne nach Deutschland. Die Möglichkeit, ihre Sammlung zeitgenössoscher Kunst deutschen Kennern und Sammlern zu präsentieren, war für sie von großer Bedeutung. Auch sie schätzten einen gewissen regionale Touch und die Chance etwas Kölsche Lebensart zu erleben: „Ich kann es kaum erwarten, endlich Spargel zu essen“, sagt Brian Butler von der Galerie 1301 PE in Los Angeles. Er war sichtlich erfreut über die Entscheidung, die Art Cologne vom Oktober in den April und damit in die Spargelzeit zu verlegen. „Und dazu trinke ich ein leckeres Kölsch“.

