Das Herzstück der Cultural Diplomacy

25.08.2009

Ende 2008 und Anfang 2009 stand das Programm des Amerika Haus Vereins NRW – wie das aller transatlantischer Institutionen – ganz im Zeichen der amerikanischen Präsidentschaftswahlen. Angesichts der historischen Bedeutung dieser Wahl, in der erstmals in der US-Geschichte ein Afroamerikaner das höchste Amt der USA übernahm, war diese Konzentration auf das Thema Politik ganz im Zeichen der Zeit.
Der Amerika Haus Verein möchte jedoch der großen Bedeutung Rechnung tragen, die die Kultur im deutsch-ameikanischen Austausch spielt. Deshalb wurden im Frühjahr und Sommer diesen Jahres Kunst, Musik und Tanz in den Focus des Programms gerückt. Dieser Schwenk zur Kultur ging einher mit der Art Cologne. Ein willkommener Anlass, die Frage nach der Bedeutung der Kultur für die transatlantischen Beziehungen neu zu stellen - im Gespräch mit amerikanischen und Deutschen Galeristen.

 

tl_files/articles/aktuelles/newsletter/2009/Kunstsammlung-Bochum-3.jpgWie sehen sich die anderen? Kunst als Spiegel der Gesellschaft

Seit Ende des zweiten Weltkriegs sind Deutschland und die USA nicht nur politisch und ökonomisch zusammengerückt. Auch haben sich beide Länder kulturell kontinuierlich miteinander vernetzt und gegenseitig beeinflusst. Eine Entwicklung, die auch in Zeiten politischer Differenzen angehalten und sich besonders im Kunstsektor manifestiert hat. Künstler, Kunstliebhaber und Sammler auf beiden Seiten des Atlantiks suchen und finden in ihrem Gegenüber Inspiration und Wertschätzung. Dies zeigte sich eindrucksvoll auf der diesjährigen Art Cologne.

 

Laurence Miller, Besitzer der gleichnamigen Galerie in New York, war in diesem Jahr zum wiederholten Mal mit einem Stand auf der Kölner Kunstmesse vertreten. Er ist überzeugt davon, dass die deutsche Fotografie des 20. Jahrhunderts seinen Blick auf die Fotografie maßgeblich beeinflusst hat. „Nach zwei Weltkriegen und dem darauf folgenden schöpferischen Vakuum, distanzierte sich die Generation der 50-er Jahre in Deutschland deutlich von jeglicher Form von Utopie zugunsten eines fotografischen Subjektivismus“, erläutert Miller. „Dieser legte den Grundstein für den in der Nachkriegszeit entstandenen angewandten Humanismus. Die Menschen machten sich Gedanken darüber, wie sie jetzt lebten und bildeten dies in der Kunst und der Fotografie jener Zeit ab.“

 

Das Verhältnis scheint wechselseitig. So wie er selbst von der zeitgenössischen Fotografie in Deutschland beeinflusst wurde, hat Laurence Miller den Eindruck, dass die von ihm ausgestellten amerikanischen Werke im Gegenzug auch beim deutschen Publikum besonderen Anklang finden. So zum Beispiel die Stillleben der amerikanischen Fotokünstler Helen Levitt und Ray Metzger. „Einmal machte ich den Fehler, auf einer europäischen Kunstmesse eine Sammlung amerikanischer Fotografien auszustellen, die sich alle mit dem Thema Europa befassten“, erzählt Miller, „Das passte einfach nicht. Niemand wollte Europa aus der amerikanischen Perspektive sehen. Die Sammler interessierten sich vielmehr für die Sicht amerikanischer Künstler auf ihr eigenes Land, auf Amerika. Daraufhin habe ich die Sammlung zusammengestellt, die ich heute auf der Art Cologne zeige.“ „Seit den 60-er Jahren stößt Kunst aus den USA bei deutschen Sammlern auf starkes Interesse“, fährt Miller fort, „Die Deutschen waren unter den ersten und aktivsten Sammlern der Pop Art. Vor diesem geschichtlichen Hintergrund habe ich mich mit meinem Stand dieses Jahr auf erfolgreiche Fotografien aus der amerikanischen Nachkriegszeit konzentriert.“

 

tl_files/articles/aktuelles/newsletter/2009/Kunstsammlung-Bochum-4.jpgDie Kunst im Sog von Wirtschaft und Politik

Doch das Interesse von Künstlern und Galeristen in Nordrhein-Westfalen beschränkt sich nicht nur auf Ausschnitte des gesellschaftlichen Lebens in den Vereinigten Staaten. Auch die Politik erfreut sich in der Szene eines neuen Interesses. Der Wahlsieg Barack Obamas wurde hier als Signal dafür verstanden, dass die USA gewillt sind, sich zu verändern. Obama’s „Yes, We Can“ hat den Menschen Hoffnung gemacht und darüberhinaus eine ansteckende Energie freigesetzt. „Wir haben das Gefühl, dass in der Welt gerade eine große Veränderung stattfindet – und daran möchten wir teilhaben“, sagt der Kölner Galerist Thomas Rehbein. „In den USA ist gerade eine Dynamik zu spüren, auf die wir neidisch sind. Hier in Köln resultieren Veränderungen meistens aus negativen Ereignissen. In den Vereinigten Staaten sehnen sich die Leute nach einem Wechsel und tun etwas dafür. Sofort. Wir in Deutschland verfolgen diesen Prozess mit Spannung. Ich interessiere mich jetzt definitiv stärker für die USA als noch vor acht Jahren.“

 

Neben der politischen, spielt natürlich auch die wirtschaftliche Situation eine große Rolle für Galeristen wie Thomas Rehbein. Die Weltwirtschaft hat stark unter dem Gebaren gelitten, das an der Wall Street über Jahre praktiziert wurde. Auch der Kunstmarkt hat die Auswirkungen zu spüren bekommen. „Der internationale Kunstmarkt ist äußerst abhängig vom amerikanischen Kunstmarkt“, bemerkt Thomas Rehbein, „Ich bin sehr gespannt auf die Entwicklung in den nächsten Jahren.“ In den USA werden Ausstellungen meistens von Privatleuten finanziert. Demgegenüber steht eine andere Praxis in Deutschland, wo trotz einer Zunahme privater Engagements die Förderung des Kunstsektors nach wie vor vom Staat getragen wird. Wegen der globalen Wirtschaftskrise sind die privaten Dollars, die normalerweise in die Kunst fließen, weniger geworden, was in den USA einen Ausfall von zahlreichen Projekten und Ausstellungen zur Folge hatte. In Deutschland ist es in den letzten Jahren ebenfalls nicht leichter geworden. Doch selbst wenn insgesamt weniger Fördergelder gezahlt werden, gibt es eine gewisse Planungssicherheit in den Zeiten der Krise.


Amerika Haus Event in Kunstsammlungen der Universität BochumSelbstverständlich kann sich der internationale Kunstmarkt nicht von der Verunsicherung durch die Weltwirtschaftskrise freimachen. Thomas Rehbein erklärt die Folgen: „Wenn einem amerikanischen Sammler ein Werk gefällt, schlägt er normalerweise sofort zu, während ein deutscher noch überlegt. In der momentanen Situation sind auch die amerikanischen Sammler zögerlicher geworden. Ich erlebe es dieses Jahr zum ersten Mal, dass selbst interessierte Sammler eine abwartende Haltung einnehmen.“ Trotz der Sprunghaftigkeit des Kunstmarkts sind deutsche Galeristen wie Thomas Rehbein davon überzeugt, dass die Vereinigten Staaten nach wie vor großen Einfluss auf die deutsche Kunstszene haben. „Sobald ein deutscher Künstler eine erfolgreiche Ausstellung in den USA hatte, steigt daraufhin auch sein Marktwert in Europa“, sagt Rehbein. Und umgekehrt lassen sich auch amerikanische Künstler weiterhin von deutschen Impulsen inspirieren, wie zum Beispiel die amerikanische Songwriterin und Malerin Amy Antin, die sich für Ihre Musik Impulse von den Kunstsammlungen der Universität Bochum und dem Wirken Max Imdahls holte und vor Ort präsentierte (siehe Foto).

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