»It was Good Trouble. It was Necessary Trouble«
08.09.2010
Auf seiner Deutschlandreise machte Bürgerrechtler John Lewis Station in Bonn, Köln, Düsseldorf und Monschau. Der Demokrat suchte das Gespräch mit den Menschen und erntete standing ovations. (Von Daniel Albrecht)
Wie viele Jugendliche rebellierte der junge John Robert Lewis gegen den Rat seiner Mutter. „Don’t get in the way!“, warnte sie ihn. „Don’t get into trouble!“ Doch ihr Sohn ließ sich nicht beirren. Er wollte dem Ärger nicht aus dem Weg gehen. Kaum 18 Jahre alt entschied er sich, gemeinsam mit Martin Luther King Jr. gegen Rassentrennung und Diskriminierung zu kämpfen. Im ländlichen Alabama der späten 1950er Jahre war dies eine Entscheidung, die sein Leben veränderte, für die er sein Leben riskierte. „I wanted to get into trouble“, sagt Lewis heute. „It was good trouble. It was necessary trouble.“ Diese Worte sind zum Credo des inzwischen 70-jährigen Politikers geworden. Unzählige Male hat er sie in den vergangenen 50 Jahren mit lauter, ruhiger Stimme wiederholt. So auch an diesem Freitagmorgen im Kölner Rathaus, wo er vor 450 Schülerinnen und Schülern aus Nordrhein-Westfalen spricht.
Eine herausragende Persönlichkeit
Mit dem Namen John Lewis konnten nur wenige seiner jungen Zuhörer vor diesem „Town Hall Meeting“ etwas anfangen. Doch wird ihnen an diesem Morgen schnell klar, wer da vor ihnen steht: ein Zeitzeuge im wahrsten Sinn des Wortes. Der Abgeordnete des US-Repräsentantenhauses sei „eine historisch und politisch herausragende Persönlichkeit“, sagt der Kölner Oberbürgermeister Jürgen Roters in seiner Begrüßungsrede.
Lewis ist der letzte noch Lebende der afroamerikanischen Bürgerrechtler, die am 28. August 1963 beim March on Washington von den Stufen des Lincoln Memorial zu den Hundertausenden redeten. „I have a dream“, sagte Martin Luther King Jr., der nach Lewis sprach. Der Tag ist in die Geschichte eingegangen als Meilenstein des Civil Rights Movements. Damals war John Lewis erst 25 Jahre alt, dennoch zählte er bereits zu den wichtigsten Führern der Bürgerrechtsbewegung. In seinem Leben wurde er mehr als 40 mal inhaftiert, immer wieder attackiert und verletzt. Trotzdem blieb er den Prinzipien des gewaltfreien Widerstands treu.
Kaum einem anderen Politiker in den USA wird so viel Respekt und Anerkennung entgegen gebracht wie dem stellvertretenden Fraktionssprecher der Demokraten im Repräsentantenhaus. Die Sprecherin des Hauses, Nancy Pelosi, bezeichnete John Lewis als „das Gewissen des US-Kongresses“. Präsident Barack Obama schrieb „Because of you, John“ als Widmung auf ein gemeinsames Foto mit Lewis. „Deinetwegen, John.“ Denn ohne Lewis und die anderen Bürgerrechtler würde es heute keinen farbigen Präsidenten im Weißen Haus geben.
„Wir leben alle im selben Haus“
Wie beliebt John Lewis in der Heimat ist, zeigt sich auch bei seinem Besuch in Deutschland. Bei Bratwurst und Kölsch im Brauhaus Früh am Kölner Dom wird er prompt von amerikanischen Touristen erkannt, die sich von der kurzen Begegnung mit ihrem civil rights hero hellauf begeistert zeigen. Beeindruckt von der Ausstrahlung Lewis’ sind auch Journalisten und Amerika-Spezialisten, die mit dem US-Politiker im Sendehaus des Deutschlandfunks über die Integration von Einwanderern sprechen. Auf die Fragen nach Lösungen der Integrationsprobleme entgegnet der Gast mit einer einfachen Antwort: „Wir müssen lernen, wie eine Familie zusammenzuleben. Wir leben alle im selben Haus.“
In der Wahlnacht von Präsident Barack Obama sei viel von dieser Gemeinsamkeit zu spüren gewesen, sagt RTL-Moderator Christof Lang beim Podiumsgespräch mit Lewis im Haus der Geschichte in Bonn. Doch heute scheint in den USA ein anderer Geist zu herrschen. Lang: „Wie reagieren Sie auf die ultrakonservative Tea-Party-Bewegung und den Fox-Moderator Glenn Beck, die sich derzeit so vehement gegen Obama stellen?“ John Lewis schüttelte den Kopf. „Es ist mir ein Rätsel, was sie meinen, wenn sie sagen, sie wollten Amerikas Ehre wieder herstellen.“ Dass Becks „Restoring Honor Rally“ exakt am 47. Jahrestag der berühmten Martin-Luther-King-Rede am Lincoln Memorial stattfand, sei ein Affront.
Im Interview mit dem Deutschlandfunk wird der Demokrat Lewis gefragt, warum den Demokraten trotz Meilensteinen wie der Gesundheitsreform, der Finanzmarkt-Reform und dem Abzug aus dem Irak bei den Kongresswahlen im November der Verlust der Mehrheit droht. Er versucht eine Erklärung. „Dem Präsidenten und uns Demokraten im Kongress wird das nicht hoch genug angerechnet“, meint Lewis. „Wir waren nicht gut darin, den Leuten unsere Politik zu erklären.“
Abwechslungsreiches Besuchsprogramm
John Lewis war auf Initiative der Congressional Study Group on Germany nach Deutschland gekommen. Knapp eine Woche lang war der Politiker auf einer Studienreise in Deutschland unterwegs. In Berlin hatte er unter anderem mit Vertretern der jüdischen Gemeinde gesprochen und mit dem neuen Koordinator für die deutsch-amerikanischen Beziehungen, Hans-Ulrich Klose (SPD), den transatlantischen Austausch diskutiert. In Hamburg beantwortete er unter anderem die Fragen von Studenten, moderiert von ARD-Journalist Tom Buhrow.
Der Amerika Haus e.V. NRW hatte John Lewis nach Nordrhein-Westfalen eingeladen und mit Unterstützung der Staatskanzlei und des amerikanischen Generalkonsulats in Düsseldorf ein zweitägiges Programm für ihn organisiert: Das Town Hall Meeting in Köln mit 450 Schülern aus ganz Nordrhein-Westfalen, der Vortrag im Bonner Haus der Geschichte, ein Gespräch bei Ministerpräsidentin Hannelore Kraft sowie mit Vertretern aus Politik und Medien in Düsseldorf. Letzte Station seiner Reise war schließlich ein Besuch in Monschau, wo der Congressman von Bürgermeisterin Margareta Ritter empfangen wurde.
Für Freiheit und Ideale kämpfen
Wo immer Lewis auftrat, hinterließ er bei seinen Zuhörern einen bleibenden Eindruck. „Er ist unglaublich charismatisch“, findet Andreas Backes (18), Schüler am Paul-Klee-Gymnasium in Overrath, nach dem Town Hall Meeting in Köln. Zeynep Yakin (17) von der Lise-Meitner-Gesamtschule in Köln-Porz ist begeistert von Lewis’ Standhaftigkeit: „Toll, wie er immer weitergemacht hat.“ Den Schülern gefiel, wie „locker“ sich der Congressman präsentierte. Und John Lewis war anzumerken, dass er Wert auf den Dialog mit der jungen Generation legt. Er will ihr etwas weitergeben. Er will sie motivieren, für Freiheit und Ideale zu kämpfen. „Meldet euch zu Wort! Mischt euch ein!“, rief er den Schülerinnen und Schülern zu. „Wir können es uns nicht erlauben, nur als Zuschauer am Rande zu stehen.“
Wie viele Jugendliche rebellierte der junge John Robert Lewis gegen den Rat seiner Mutter. „Don’t get in the way!“, warnte sie ihn. „Don’t get into trouble!“ Doch ihr Sohn ließ sich nicht beirren. Er wollte dem Ärger nicht aus dem Weg gehen. Kaum 18 Jahre alt entschied er sich, gemeinsam mit Martin Luther King Jr. gegen Rassentrennung und Diskriminierung zu kämpfen. Im ländlichen Alabama der späten 1950er Jahre war dies eine Entscheidung, die sein Leben veränderte, für die er sein Leben riskierte. „I wanted to get into trouble“, sagt Lewis heute. „It was good trouble. It was necessary trouble.“ Diese Worte sind zum Credo des inzwischen 70-jährigen Politikers geworden. Unzählige Male hat er sie in den vergangenen 50 Jahren mit lauter, ruhiger Stimme wiederholt. So auch an diesem Freitagmorgen im Kölner Rathaus, wo er vor 450 Schülerinnen und Schülern aus Nordrhein-Westfalen spricht.
Eine herausragende PersönlichkeitMit dem Namen John Lewis konnten nur wenige seiner jungen Zuhörer vor diesem „Town Hall Meeting“ etwas anfangen. Doch wird ihnen an diesem Morgen schnell klar, wer da vor ihnen steht: ein Zeitzeuge im wahrsten Sinn des Wortes. Der Abgeordnete des US-Repräsentantenhauses sei „eine historisch und politisch herausragende Persönlichkeit“, sagt der Kölner Oberbürgermeister Jürgen Roters in seiner Begrüßungsrede.
Lewis ist der letzte noch Lebende der afroamerikanischen Bürgerrechtler, die am 28. August 1963 beim March on Washington von den Stufen des Lincoln Memorial zu den Hundertausenden redeten. „I have a dream“, sagte Martin Luther King Jr., der nach Lewis sprach. Der Tag ist in die Geschichte eingegangen als Meilenstein des Civil Rights Movements. Damals war John Lewis erst 25 Jahre alt, dennoch zählte er bereits zu den wichtigsten Führern der Bürgerrechtsbewegung. In seinem Leben wurde er mehr als 40 mal inhaftiert, immer wieder attackiert und verletzt. Trotzdem blieb er den Prinzipien des gewaltfreien Widerstands treu.
Kaum einem anderen Politiker in den USA wird so viel Respekt und Anerkennung entgegen gebracht wie dem stellvertretenden Fraktionssprecher der Demokraten im Repräsentantenhaus. Die Sprecherin des Hauses, Nancy Pelosi, bezeichnete John Lewis als „das Gewissen des US-Kongresses“. Präsident Barack Obama schrieb „Because of you, John“ als Widmung auf ein gemeinsames Foto mit Lewis. „Deinetwegen, John.“ Denn ohne Lewis und die anderen Bürgerrechtler würde es heute keinen farbigen Präsidenten im Weißen Haus geben.
„Wir leben alle im selben Haus“Wie beliebt John Lewis in der Heimat ist, zeigt sich auch bei seinem Besuch in Deutschland. Bei Bratwurst und Kölsch im Brauhaus Früh am Kölner Dom wird er prompt von amerikanischen Touristen erkannt, die sich von der kurzen Begegnung mit ihrem civil rights hero hellauf begeistert zeigen. Beeindruckt von der Ausstrahlung Lewis’ sind auch Journalisten und Amerika-Spezialisten, die mit dem US-Politiker im Sendehaus des Deutschlandfunks über die Integration von Einwanderern sprechen. Auf die Fragen nach Lösungen der Integrationsprobleme entgegnet der Gast mit einer einfachen Antwort: „Wir müssen lernen, wie eine Familie zusammenzuleben. Wir leben alle im selben Haus.“
In der Wahlnacht von Präsident Barack Obama sei viel von dieser Gemeinsamkeit zu spüren gewesen, sagt RTL-Moderator Christof Lang beim Podiumsgespräch mit Lewis im Haus der Geschichte in Bonn. Doch heute scheint in den USA ein anderer Geist zu herrschen. Lang: „Wie reagieren Sie auf die ultrakonservative Tea-Party-Bewegung und den Fox-Moderator Glenn Beck, die sich derzeit so vehement gegen Obama stellen?“ John Lewis schüttelte den Kopf. „Es ist mir ein Rätsel, was sie meinen, wenn sie sagen, sie wollten Amerikas Ehre wieder herstellen.“ Dass Becks „Restoring Honor Rally“ exakt am 47. Jahrestag der berühmten Martin-Luther-King-Rede am Lincoln Memorial stattfand, sei ein Affront.
Im Interview mit dem Deutschlandfunk wird der Demokrat Lewis gefragt, warum den Demokraten trotz Meilensteinen wie der Gesundheitsreform, der Finanzmarkt-Reform und dem Abzug aus dem Irak bei den Kongresswahlen im November der Verlust der Mehrheit droht. Er versucht eine Erklärung. „Dem Präsidenten und uns Demokraten im Kongress wird das nicht hoch genug angerechnet“, meint Lewis. „Wir waren nicht gut darin, den Leuten unsere Politik zu erklären.“Abwechslungsreiches Besuchsprogramm
John Lewis war auf Initiative der Congressional Study Group on Germany nach Deutschland gekommen. Knapp eine Woche lang war der Politiker auf einer Studienreise in Deutschland unterwegs. In Berlin hatte er unter anderem mit Vertretern der jüdischen Gemeinde gesprochen und mit dem neuen Koordinator für die deutsch-amerikanischen Beziehungen, Hans-Ulrich Klose (SPD), den transatlantischen Austausch diskutiert. In Hamburg beantwortete er unter anderem die Fragen von Studenten, moderiert von ARD-Journalist Tom Buhrow.
Der Amerika Haus e.V. NRW hatte John Lewis nach Nordrhein-Westfalen eingeladen und mit Unterstützung der Staatskanzlei und des amerikanischen Generalkonsulats in Düsseldorf ein zweitägiges Programm für ihn organisiert: Das Town Hall Meeting in Köln mit 450 Schülern aus ganz Nordrhein-Westfalen, der Vortrag im Bonner Haus der Geschichte, ein Gespräch bei Ministerpräsidentin Hannelore Kraft sowie mit Vertretern aus Politik und Medien in Düsseldorf. Letzte Station seiner Reise war schließlich ein Besuch in Monschau, wo der Congressman von Bürgermeisterin Margareta Ritter empfangen wurde.
Für Freiheit und Ideale kämpfenWo immer Lewis auftrat, hinterließ er bei seinen Zuhörern einen bleibenden Eindruck. „Er ist unglaublich charismatisch“, findet Andreas Backes (18), Schüler am Paul-Klee-Gymnasium in Overrath, nach dem Town Hall Meeting in Köln. Zeynep Yakin (17) von der Lise-Meitner-Gesamtschule in Köln-Porz ist begeistert von Lewis’ Standhaftigkeit: „Toll, wie er immer weitergemacht hat.“ Den Schülern gefiel, wie „locker“ sich der Congressman präsentierte. Und John Lewis war anzumerken, dass er Wert auf den Dialog mit der jungen Generation legt. Er will ihr etwas weitergeben. Er will sie motivieren, für Freiheit und Ideale zu kämpfen. „Meldet euch zu Wort! Mischt euch ein!“, rief er den Schülerinnen und Schülern zu. „Wir können es uns nicht erlauben, nur als Zuschauer am Rande zu stehen.“

