11.03.2009 · Bonn · Haus der Geschichte
Diskussionsabend
"The Next 100 Years - A Forecast for the 21st Century"
„Lift out of any historical moment and distinguish between essential and not essential“ – mit diesem Verweis auf Hegel und dessen Geschichtsphilosophie eröffnete George Friedman, Gründer und Leiter des weltweit führenden privaten Informationsdienstes Stratfor, den 200 geladenen Gästen im Bonner Haus der Geschichte seine durchaus provokanten Zukunftsprognosen. Eingeladen hatten der Amerika Haus Verein Nordrhein-Westfalen und die Stiftung Haus der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland zu dem Diskussionsabend „The Next 100 Years – A Forecast for the 21st Century, der von Michael Kolz, stellvertretender Redaktionsleiter ZDF/Phoenix, souverän geführt wurde.
Die Veröffentlichung von Friedmans jüngstem, gleichnamigem Buch, das in diesen Tagen auch in deutscher Sprache erschienen ist. Er wagt darin eine Prognose über die Entwicklung von Großmächten in den nächsten hundert Jahren. Besonderen Wert legt er dabei auf die „fundamentals of power“, auf die Attribute, die Nationen zu nachhaltig einflussreichen Kräften machen und ein Jahrhundert entscheidend prägen lassen. Einzelne geschichtliche Ereignisse oder kurzfristige, aktuelle Tendenzen lässt Friedman bewusst außer Acht, wenn er versucht, die großen Stränge der Geschichte voraus zu sagen. Damit folge er vor allem der Geschichtsbetrachtung Hegels, betont Friedman. Drei Aspekte legt George Friedman seiner Geschichtsbetrachtung zugrunde, Aspekte, die auch Basis seiner Definition für Macht sind: Wirtschaftskraft und militärisches Potenzial. Diese Definition anwendend kommt der Amerikaner zu dem Schluss, dass die USA die überdauernde Supermacht bleiben und an ihrer Seite drei weitere Mächte empor kommen werden: Japan, die Türkei und Polen.
Die Europäische Union hingegen, die vor allem aufgrund ihrer Wirtschaftsmacht eine echte Konkurrenz darstellen könnte, schöpfe ihr Potential nicht aus, argumentiert Friedman. Eine weitere Schwächung Europas sieht Friedman im europäischen Integrationsprozess bzw. in dessen Scheitern. Friedman zeigt sich zwar beeindruckt von den Errungenschaften der Europäischen Union, sieht aber der weiteren Entwicklung mit Skepsis entgegen, denn es gäbe zu wenige Anzeichen für ein tatsächlich vereintes Europa. Die Finanz- und Wirtschaftskrise habe die Europäische Union in die Knie gezwungen und den wahren Charakter ihrer Struktur offenbart – „the EU is an abstraction, not a reality“, kritisiert Friedman. Das „Experiment EU“ sei gescheitert, es sei ein Konstrukt politischen Willens einzelner, der sich weder in ökonomischen noch militärischen Fragen widerspiegele. Die EU habe das „principal of shared fate“ nicht verstanden und entpuppe sich als eine Union, die nur in Zeiten des Wohlstands funktioniere. Die einzelnen Mitgliedsstaaten zeigen sich nicht gewillt, Probleme mit Hilfe ihrer eigenen Institutionen zu bewältigen oder in schlechten Zeiten für einander einzustehen. Zwar verspricht die Europäische Union ein „framework of management“, letztendlich setze sich im politischen Alltag jedoch das Nationalstaatsprinzip durch und die einzelnen Staaten verfolgten eigene nationale Interessen.
Japan, die Türkei und Polen – das seien Staaten, so Friedman, die der USA im 21. Jahrhundert die Stirn bieten könnten. So habe Japan beispielsweise größere militärische Kapazitäten als Großbritannien. Die Türkei werde als „third-grade power“ gnadenlos unterschätzt, mahnt Friedman und verweist auf die starke Militärmacht der Türkei, auf deren Vormachtstellung in der Region und auf die wachsende Wirtschaft. Deutschland habe zu lange das Vorurteil der „Gastarbeiter-Mentalität“ auf die Türkei übertragen und versäumt, sie als aufstrebende und gleichberechtigte Macht anzuerkennen. „The EU needs to readjust“, und dürfe nicht verkennen, dass die türkische Isolation einen Vorteil für die USA darstelle. Vom Publikum nach China oder Indien als aufstrebende Mächte gefragt, argumentiert Friedman, dass beide aufgrund ihrer Bevölkerungsstruktur (mehrheitlich betroffen von Bildungsdefiziten und Armut) und mangelnden Wirtschaftsmacht keine realen Aussichten auf Weltmachtstatus hätten. China, zum Beispiel, verfüge zwar über den Großteil der amerikanischen Dollars, das Land habe aber keinen eigenen Konsum, es sei „hostage to the US“, weil es auf den Konsum der Amerikaner angewiesen sei. In diesem Sinne fungiere China eher als externe US-Produktionsstätte, konstatiert Friedman. In Polen sieht Friedman eine zweite aufstrebende Macht an der Seite der USA. Seine These stützt er vor allem auf die strategische Bedeutung Polens – militärisch und ökonomisch. Für die USA sei Polen vor allem Teil ihrer Eindämmungsstrategie gegenüber Russland und deshalb äußerst wichtig.
Für Friedman liegt gerade in dieser strategischen Rolle Polens aber auch der Türkei ein zentrales Argument für seine These von deren Aufstieg zu Weltmächten. Denn die Partnerschaft mit der Supermacht USA, sagt Friedman, gehe einher mit der positiven wirtschaftlichen und militärischen Entwicklung eines Landes. Dies beweise ein Blick auf die Geschichte und die Entwicklungen anderer Länder, die in der Vergangenheit für die USA von strategischem Interesse gewesen sind, wie .B. Deutschland und Süd-Korea. Süd-Korea sei dank enger Anbindung an die USA heute eine starke Industrienation, deren Produkte auf dem internationalen Markt Absatz finden.
Zentraler Akteur des Weltgeschehens im 21. Jahrhundert blieben jedoch die USA – nicht zu letzt auch aufgrund ihrer geografischen Lage und Bevölkerungsstruktur. Friedman argumentiert hier vor allem mit dem Thema Immigration und dem Unterschied zwischen den USA und Europa im Umgang damit. Friedman verweist auf das Immigrations-Dilemma in Europa: Einerseits sei Immigration aufgrund der dramatisch rückläufigen Geburtenrate und der Überalterung der Gesellschaft existenziell wichtig, um Arbeitskraft und Produktivität aufrecht zu erhalten. Andererseits herrsche in den meisten europäischen Ländern Skepsis gegenüber Einwanderern und Angst vor Überfremdung gerade von muslimischen Einwanderern. Dies sei auch der Beweggrund für die Ablehnung des EU-Beitritts der Türkei. Die USA hingegen bauten traditionell auf Immigration, auch wenn das Land aus demografischer Sicht noch lange nicht an seine Grenzen gestoßen sei. Friedman gesteht ein, dass allein die geografische Ausdehnung den USA hier einen uneinholbaren Vorteil verschafft. Die schiere Größe des Landes ermögliche es, dass die Bevölkerung Platz habe, um sich zu verteilen. In Deutschland, zum Beispiel, würde der Zustrom von Migranten auch zu einer erheblichen Bevölkerungsdichte auf engstem Raum führen. Man könne kulturellen Konflikten also kaum ausweichen.
Als letzten Punkt amerikanischer Vormachtstellung führt George Friedman die Entwicklung alternativer Energiequellen an. Über den Horizont und noch viel weiter, müsse die Devise gerade in Zeiten knapper traditioneller Energieressourcen heißen. Solarenergie ist die Energiequelle der Zukunft, darin sei man sich einig. Doch der Erzeugung auf der Erde seien Grenzen gesetzt – natürliche Grenzen wie Nacht (Dunkelheit) und Wolken. Der Blick müsse sich also auf Solarstationen im Weltraum richten – und diese seien mit dem technischen Know-how der NASA keine Utopie mehr, so Friedman. In der energiepolitischen Unabhängigkeit und Monopolstellung manifestiere sich also zusätzlich die zukünftige Macht der USA.
Der Analyst Friedman weiß durchaus zwischen der politischen Macht Amerikas und seiner Sympathie zu unterscheiden: „We are not liked“, gesteht Friedman ein, „We are not a likable people. We are like a fifteen-year-old: We are arrogant, we think we can achieve anything and we want to be popular.“
Friedman distanziert sich mit seinen Thesen von der überdauernden Vormachtstellung der USA ganz explizit von seinen Kollegen, die das Ende des American Century voraussagen. Er weiß um die kritische Aufnahme seiner Prognosen vor allem beim europäischen Publikum und bedauert, dass er selbst Amerikaner sei, der die Dominanz seiner eigenen Nation prophezeie. Seine Erkenntnisse hätten jedoch nichts mit seiner Staatsangehörigkeit zu tun, sondern seien die Resultate intensiver Recherchen, Analysen und Geschichtsbetrachtungen. Natürlich sei es gewagt, so weit in die Zukunft zu blicken, gibt Friedman zu, „I can be absolutely wrong but I assure you that I don’t believe that.“

