07.12.2011 · Neuss · Pegelbar
Vortrag & Diskussion
Neuss: »Abzug aus Afghanistan. Bilanz und Ausblick des internationalen Afghanistan-Engagements«
Anfang Dezember 2011 kam die internationale Staatengemeinschaft anlässlich der Internationalen Afghanistan-Konferenz Bonn II auf dem Petersberg zusammen, um Weichen für die Zukunft Afghanistans zu stellen. Ziel war es, eine Bilanz des 10-jährigen internationalen Afghanistan-Engagements zu ziehen und ein dauerhaftes Engagement am Hindukusch vorzubereiten.
Der Amerika Haus e.V. NRW lud in Kooperation mit der Stadt Neuss und der Deutsch-Amerikanischen Gesellschaft Neuss e.V. zu einem Lunch-Gespräch mit Dr. Seth Jones, Sicherheitsexperte und Senior Political Scientist der RAND Corporation Washington D.C., ein.
Nach Grußworten durch den Neusser Bürgermeister Herbert Napp, der US-Generalkonsulin Janice Weiner und Tina Höfinghoff, Direktorin des Amerika Haus e.V. NRW äußerte Dr. Jones zunächst seine Wertschätzung über die militärischen und zivilen Leistungen Deutschlands in Afghanistan. Die zweifache Ausrichtung großer Konferenzen in Bonn 2001 und 2011, die Ausbildung afghanischer Polizisten sowie entwicklungspolitischen Anstrengungen im Verbund mit dem Engagement der Bundeswehr seien wertvolle Beiträge für die Zukunft Afghanistans.
Für einen Erfolg der internationalen Anstrengungen in Afghanistan warf Dr. Jones drei Fragen auf. Was sollten die Zielsetzungen sein? Welche militärischen Optionen liegen vor? Welche politischen Optionen sind zur Erreichung dieser Ziele vorhanden? Er betonte, dass er die Sichtweise Präsident Barack Obamas teile, die Ziele in Afghanistan an eng gefassten sicherheitspolitischen Gesichtspunkten auszurichten. Zunächst sei es wichtig, al Qaida bleibend und nachhaltig zu besiegen und ihre Rückzugsräume („safe havens“) einzudämmen. Vor allem von der ungebrochenen Aktivität verschiedener militanter Gruppen in der afghanisch-pakistanischen Grenzregion gehe eine unverminderte Gefahr aus. Er erinnerte daran, dass neben den Terroranschlägen, die in den vergangenen zehn Jahren in den USA und Europa stattgefunden hatten, erst in der jüngsten Vergangenheit erneut zwei Anschläge in New York vereitelt worden seien. Aufgrund mangelnder politischer Kontrolle in Afghanistan und der Aktivitäten bewaffneter Gruppen an der Grenze zu Pakistan, sieht Dr. Jones eine erhebliche Gefahr in einer langfristigen Machtübernahme durch die Taliban. Die Gefahr eines Sturzes der schwachen Zentralregierung in Kabul sei real und besäße das Potential, eine Entwicklung der extremen Militanz in ganz Südasien in Gang zu setzen.
Dr. Jones nannte drei militärische Optionen, die für die Zukunft Afghanistan bestünden. Die erste Option sei ein kompletter Abzug aller NATO-Truppen. Dies hätte jedoch einen destabilisierenden Effekt zur Folge, der Afghanistan zum Spielball der Interessen sämtlicher Nachbarstaaten und die Gefahr eines Regierungssturzes durch die Taliban sehr wahrscheinlich mache. Derartiges könne nicht im Interesse des Westens sein. Als zweite Option nannte er den Abzug der meisten Truppen, der mit der Schaffung einer „leichten Counterterrorismusstrategie“ verbunden sei. Dies würde bedeuten, dass Truppen zur Bekämpfung terroristischer Gruppen im Land verblieben, die afghanische Regierung jedoch nicht mehr durch eine westliche Truppenpräsenz gestützt würde. Allerdings würde diese Option den Einfluss Pakistans stärken und ebenfalls ein Erstarken der Taliban begünstigen.
Die sinnvollste Option sei daher eine von den Afghanen selbst angeführte Counterterrorismusstrategie, die durch die USA unterstützt würde. Als Vorbild nannte Dr. Jones die Unterstützung der kolumbianischen Regierung durch die USA, die über Jahrzehnte währte und letztendlich erfolgreich war. In einem solchen Szenario würden die USA die afghanische Regierung durch ein reduziertes Truppenkontingent, geheimdienstliches Zusammenarbeit und den Einsatz von Spezialeinheiten bei der Bekämpfung aufständischer, militanter Gruppen unterstützen. Dazu gehöre auch die fortgeführte Ausbildung, Ausrüstung und Beratung afghanischer Sicherheitskräfte. Ein Prioritätenwechsel gegenüber vorherigen Strategien müsse allerdings erfolgen, da die Regierung in Kabul schwach sei und die eigentliche Kontrolle in Afghanistan durch zahlreiche lokale Gemeinschaften ausgeübt werde. Diese seien als direkter Partner zudem zuverlässiger und effektiver als die eigentliche afghanische Regierung. Die Unterstützung der lokalen Gemeinschaften, dieser informellen, aber eigentlichen „Regierungen“ Afghanistans, müsse unbedingt verstärkt werden. Viele Afghanen seien nicht bereit für die Zentralregierung kämpfen, aber alle würden ihre lokalen Gemeinschaften und Dörfer verteidigen. Dies müsse ein Schwerpunkt eines reduzierten Engagements zur Unterstützung Afghanistans sein.
Trotz verschiedener politischer Optionen beurteilt Dr. Jones die Aussichten auf ein Friedensabkommen in Afghanistan skeptisch. Zu lange habe das Land unter Konflikten und ethnischer Teilung gelitten, als dass ein Abkommen wahrscheinlich sei. Zudem würden die Taliban nicht auf ein Friedensabkommen eingehen, da sie beabsichtigten nach dem Abzug der meisten westlichen Truppen ab 2014 einen bewaffneten Regierungswechsel herbeizuführen. Ein Dialog mit Vertretern der Taliban und anderen Gruppierungen sei nötig, überzogene Erwartungen jedoch fehl am Platze. Mit Blick auf die wirtschaftliche Unterstützung Afghanistans stellte Dr. Jones fest, dass wirtschaftliche Investitionen zurückgefahren werden müssten. Afghanistan sei mit der Vielzahl an Geldern und Projekten teilweise schlicht überfordert, sodass eine geringere Zahl von Investitionen effektiver sein könnte und zudem Korruption senken würde. Längerfristig müsse Afghanistan auf dreifache Weise auf den Weg einer nachhaltigen Entwicklung gebracht werden. Dazu gehöre zuerst die Legalisierung der Wirtschaft, die aus dem Abbau afghanischer Metall- und Rohstoffvorkommen erwachse, bislang jedoch zumeist illegal geschehe und dem Lande daher nicht diene. Zum Zweiten müsse die Regierungsführung- und -fähigkeit in Afghanistan weiter gestärkt werden. Auch hier müsste der Fokus auf die lokalen Strukturen gerichtet werden, die weniger korrupt und politisch effektiver seien. Zum Dritten müssten die Nachbarländer in die afghanische Entwicklung mit eingebunden werden. Vor allem Pakistan beherberge jede größere aufständische Gruppe und deren Kontrollstrukturen. Die amerikanisch-pakistanischen Beziehungen hätten sich zwar verschlechtert, sie seien aber aufgrund einer Reihe von gemeinsamen Interessen nach wie vor sehr wichtig. Wenn die Rückzugsgebiete bewaffneter Gruppen in Pakistan nicht eingedämmt würden, würde es nie eine verlässliche Regierung und währende Stabilität in Afghanistan geben.
Zusammenfassend sagte Dr. Jones, dass eine Mischung dieser militärischen und politischen Optionen zugleich verfolgt werden müsse, um al Qaida und andere Gruppen in der afghanisch-pakistanischen Grenzregion zu schwächen und langfristige Instabilität und Militanz in Afghanistan zu verhindern. Im Anschluss an den Vortrag entspann sich eine spannende Diskussion mit dem Publikum, die sich über den afghanischen Drogenanbau, die Ausbildung der Polizei und die Finanzierung aufständischer Gruppen in Afghanistan vielen Problemen der vergangenen Jahre widmete. Das Schlusswort der Veranstaltung sprach Thomas Schommers, der Präsident der Deutsch-Amerikanischen Gesellschaft Neuss e. V.
Dr. Seth Jones war zuletzt unter anderem als Repräsentant für den U.S. Special Operations Command des Assistant Secretary of Defense for Special Operations tätig. Dr. Jones ist spezialisiert auf Terrorismus- und Aufstandsbekämpfung mit einem besonderen Fokus auf Afghanistan und Pakistan sowie Autor zahlreicher Bücher.
Zusammenfassung: Stephan Liedtke, Amerika Haus e.V. NRW
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Mit freundlicher Unterstützung durch die US-Botschaft in Berlin und das US-Generalkonsulat in NRW

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