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11.09.2011 · Köln · Haus der Fritz Thyssen Stiftung

Tariq Ali

11.00 Uhr Matinée: Vortrag & Diskussion

Tariq Ali: »9/11 - Ten Years After«



Mit Tariq Ali: Autor, Historiker und Journalist;

Moderation: Brent Goff, amerikanischer Nachrichtenmoderator, Deutsche Welle TV

 

Anlässlich des zehnten Jahrestages der Terroranschläge vom 11. September 2001 hat der Amerika Haus e.V. NRW zu einem Vortrag des britischen Autors Tariq Ali in das alte Amerika Haus, der heutigen Fritz Thyssen Stiftung, in Köln eingeladen. Die Veranstaltung, die in Kooperation mit dem Fulbright Alumni e.V. durchgeführt wurde, stieß bereits im Vorfeld auf großes Interesse und auch am Veranstaltungstag selbst war der Besucherandrang groß. In seinem Vortrag spannte Tariq Ali den Bogen von den Kriegen in Afghanistan und dem Irak als amerikanische Reaktion auf die Anschläge bis hin zu gegenwärtigen und zukünftigen Herausforderungen für die USA und Europa und lieferte eine kritische globale Tour d’Horizon.

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Ali stellte zunächst fest, dass terroristische Anschläge keine neuen Erfahrungen für westliche Gesellschaften seien, sondern dass Terrorismus beispielsweise durch die Baader Meinhof-Gruppe oder die IRA auch im 20. Jahrhundert als Mittel zur Durchsetzung von politischen Zielen eingesetzt worden sei. Den Unterschied zwischen diesen vormals bekannten Formen des Terrorismus und den Terroranschlägen vom 11. September sieht Ali in zwei Punkten. Zum Ersten darin, dass eine relativ kleine Gruppe von handelnden Terroristen einen Anschlag in einer derartigen Größenordnung durchführen konnte und dabei bildmächtig wie nie zuvor die Weltöffentlichkeit zu Zeugen machte. Zum Zweiten vertritt Ali die These, dass ein anderes Land als die USA nicht in gleichem Maße auf die Anschläge reagiert hätte. Da die USA aber die einzige und unangefochtene Weltmacht waren, die sowohl die Mittel zum Handeln als auch zur alleinigen Führung besaß, fiel die Reaktion stärker aus, als es bei Anschlägen in einem europäischen Land der Fall gewesen wäre.

 

Ali hob hervor, dass die Regierung Bush die Anschläge sehr schnell zum Anlass genommen habe, den Willen der USA in der Welt durchzusetzen. Der Afghanistankrieg sei zunächst mit dem alleinigen Ziel begonnen worden, Al Qaida-Chef Osama bin Laden und Mullah Omar, den Anführer der Taliban, auszuschalten. Er betonte, dass die Chance, die im Aufbau einer nachhaltigen sozialen Infrastruktur in Afghanistan gelegen habe, vergeben wurde. Stattdessen habe die amerikanische Unterstützung für den neuen Präsidenten Hamid Karzai zu einer ungeheuren Selbstbereicherung seiner Familie, zu Korruption und der Enttäuschung großer, talibankritischer Teile der afghanischen Bevölkerung geführt. Zudem bemängelte er, dass die USA nicht aus dem Scheitern der Sowjetunion gelernt hätten und der Krieg auch zehn Jahre nach Beginn keinesfalls gewonnen werden könne. Die USA hätten nicht verstanden, dass ein als Besatzung wahrgenommener Einsatz zwangsläufig zum Widerstand führen würde, zumal die Afghanen nach der sowjetischen Invasion 1979 vergleichbare Erfahrungen gemacht hätten. Es sei verpasst worden, die Aufständischen in eine politische Lösung mit einzubeziehen und gleichermaßen Pakistan, Iran und Russland als äußere Machtzentren für die Stabilisierung des Landes zu gewinnen. Die Tötung Osama bin Ladens im Mai 2011 sieht Ali in einer Reihe von amerikanischen Verstößen gegen das Völkerrecht, das durch konstante Ausnahmen, die die USA für sich beanspruchten, ausgehöhlt werde. 2001 hätten die USA eine gezielte Polizeiaktion gegen bin Laden anstreben sollen und ihn, anstatt ihn zu töten, in seinem pakistanischen Versteck festnehmen und vor ein Gericht stellen sollen.

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Auch den Irakkrieg betrachtet Ali als Fortsetzung des Willens der Regierung Bush, amerikanische Interessen in der Welt durchzusetzen. Um den Angriff wenigstens moralisch zu legitimieren, sei die Bedrohung durch die Massenvernichtungswaffen Saddam Husseins konstruiert worden – die amerikanische und britische Regierungen hätten die Invasion des Iraks gezielt auf fabrizierten Anschuldigungen basiert. Allein der damalige US-Außenminister Colin Powell habe die Täuschung der Weltöffentlichkeit vor dem Sicherheitsrat der Vereinten Nationen 2003 im Nachhinein als „Schande“ bezeichnet. Der Krieg im Irak sei gewollt und die Begründung vorgeschoben gewesen – durch das Ausbleiben einer Deckung durch UN oder NATO sei er „kriminell und illegal“ gewesen. Trotz des schnellen militärischen Sieges seien die USA – wie bereits in Afghanistan – nicht auf Aufstandsbewegungen vorbereitet gewesen.

 

Ali zieht eine vernichtende Bilanz des Krieges: Eine Million Iraker seien ums Leben gekommen, über zwei Millionen seien verwundet worden, die irakische Infrastruktur sei zerstört worden und von politischer Stabilität sei das Land immer noch weit entfernt. Durch die Machtübernahme religiöser Führer seien die Frauenrechte zudem hinter den Stand zurückgefallen, den sie unter Saddam Hussein besaßen und die amerikanische Irakpolitik habe den Iran zum einflussreichsten Land der Region gemacht.

 

Für Ali sind die Kriege in Afghanistan und dem Irak „Desaster“, zumal nun als Folge mit Pakistan ein atomar bewaffneter Staat vor dem Zusammenbruch stehe. Die mit der Wahl Barack Obamas verbundene Hoffnung auf eine Kurskorrektur in der amerikanischen Politik sei rasch verflogen. Obama habe den Irak bislang nicht verlassen und die Afghanistanpolitik gemessen an Bush sogar noch verschärft. Nicht nur habe er die dortige amerikanische Truppenpräsenz massiv aufgestockt, sondern vor allem habe er den Einsatz von Drohnen erheblich ausgeweitet - auch auf pakistanischem Staatsgebiet. Ali betonte, dass im ersten Jahr von Obamas Amtszeit mehr Drohnenattacken geflogen worden seien als in fünf Jahren unter Präsident Bush zuvor. Er sieht daher eine gewaltige Lücke zwischen den von den USA formulierten Zielen und der Realität vor Ort. Es sei daher „natürlich“, dass die Menschen wütend seien.

 

Kritisch äußerte sich Ali auch zu den europäischen Staaten, die vielfach nicht souverän, sondern wie „Vasallenstaaten“ agieren würden. Die heutige deutsche Generation rief er auf, sich nicht mehr für die Verbrechen der Vergangenheit schuldig zu fühlen, sondern die Herausforderungen der Gegenwart anzunehmen und unabhängiger von den USA zu handeln. Deutschland sei das wichtigste Land in Europa und solle endlich auch so handeln. Gegenwärtig sei Europa insgesamt ein einziges Durcheinander, ökonomisch schwer in der Krise und politisch niemals eine handlungsfähige Einheit. Ali erinnerte an Charles de Gaulles Idee eines Kerneuropa, die seiner Ansicht nach wesentlich besser für den Kontinent gewesen wäre als die Europäische Union in ihrer derzeitigen Form. Auch de Gaulles Eintreten gegen einen EU-Beitritt Großbritanniens sei richtig gewesen – Europa fände in den britischen Medien als Thema schlichtweg nicht statt.

 

In einem Ausblick auf künftige weltpolitische Herausforderungen sagte Ali, dass die schwerwiegendste Veränderung der vergangenen zehn Jahre nichts mit dem 11. September zu tun habe – stattdessen sei die globale Machtverschiebung nach Osten und dabei vor allem der ökonomische Aufstieg Chinas die eigentliche prägende Entwicklung des letzten Jahrzehnts. Er zitierte den amerikanischen General Mike Mullen, der die Verschuldung der USA und die Entwicklung Chinas zum größten amerikanische Gläubiger als größte Bedrohung für sein Land bezeichnet hatte. Eigentlich sei ein stärkeres Eingreifen des Staates unvermeidlich, um die wirtschaftlichen Schwierigkeiten der USA in den Griff zu bekommen. Stattdessen seien sowohl in den USA als auch in Europa ultrarechte, populistische Bewegungen auf den Plan getreten, die die wirtschaftlichen und politischen Schieflagen für effektiven Stimmenfang nutzen würden.

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Laut Ali befinden sich die westlichen Demokratien in einem wesentlich schlechteren Zustand als noch in Zeiten des Kalten Krieges. Vor allem beklagte er das Fehlen einer auf politischen Unterschieden basierenden Debattenkultur. Mit Blick auf Senator James William Fulbrights Opposition zum Vietnamkrieg stellte er fest, dass Kongressanhörungen zum damaligen Zeitpunkt im Interesse der Bevölkerung und nicht für die Kameras der Fernsehsender geschehen seien. Auch das Verschwinden einer nennenswerten Opposition innerhalb des amerikanischen Mainstreams sei ein beunruhigendes Zeichen, zumal er einen Mangel an journalistischem Mut und den völligen Wegfall eines offenen in-Frage-Stellens der amerikanischen Regierung ausmachte. Der Versuch, den Wegfall der Sowjetunion durch „den Islam“ als neuen Hauptfeind zu ersetzen sei lächerlich, da die USA mit den meisten islamisch geprägten Ländern zusammenarbeite. Mit Verweis auf die öffentliche westliche Haltung gegenüber Staaten, in denen die Menschenrechte missachtet werden, betonte Ali, dass der Westen Diktaturen in Lybien, Syrien oder Bahrain stets gestützt habe. Militärische Interventionen geschähen daher nicht aufgrund „humanitärer“ Sorge um die Menschenrechtssituation, sondern gestützt auf wirtschaftliche Interessen.

 

Rückblickend machte Ali hierin auch die nachhaltige Wirkung der Terroranschläge des 11. Septembers aus: Die Welt habe sich seitdem nicht grundlegend geändert, aber die Wahrheit über die Zustände in der Welt seien sichtbarer und die Maske politischer Falschheit abgerissen worden. Er setze seine Hoffnung daher auf die Bevölkerung in den USA und Europa, die sich kritisch mit der Politik ihrer Regierungen auseinander setzen und ihre Meinung mutig geltend machen sollten.

 

Im Anschluss an seinen Vortrag entspann sich eine anregende Diskussion zwischen Ali und dem Moderator Brent Goff, der auf die Ausführungen Alis einging, bevor sich auch das Publikum in einer spannenden Fragerunde an den Autor wenden konnte.

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Zusammenfassung: Stephan Liedtke, Amerika Haus e.V. NRW

Das NPR Berlin hat die Tonbandaufnahme von Tariq Alis Vortrag auf seiner Homepage veröffentlicht:

http://www.npr.org/2011/09/26/140802787/10-years-after-9-11-with-author-tariq-ali



Der Fulbright Alumni e.V. hat einen kompletten Videomitschnitt von Tariq Alis Vortrag veröffentlicht

Zum Video: Tariq Ali: "9/11  - Ten Years After"


Amerika Haus e.V. NRW
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