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06.05.2012 (16:00 - 18:00) · Bonn· Haus der Geschichte

Vortrag & Diskussion

Bonn: »Bloodlands«


Der Amerika Haus e.V. NRW lud gemeinsam mit der Stiftung Haus der Geschichte zu einer Lesung von Timothy Snyder, amerikanischer Autor und Träger des Leipziger Buchpreises 2012, mit anschließender Diskussion ein.


Moderation: Prof. Dr. Joachim Scholtyseck, Universität Bonn

In seinem im Jahr 2010 veröffentlichten und bereits mehrfach preisgekrönten Buch Bloodlands: Europe Between Hitler and Stalin arbeitet Snyder die Massenmorde des Hitler- als auch des Stalin-Regimes neu auf und ist für dieses Werk mit dem Leipziger Buchpreis 2012 zur europäischen Verständigung ausgezeichnet worden. Zuvor wurde es bereits mehrfach zum Buch des Jahres 2010 gewählt, in über 20 Sprachen übersetzt und erreichte durch seine Verkaufszahlen in vier Ländern Bestsellerstatus.

Anlässlich des Besuchs von Timothy Snyder beim Amerika Haus e.V. NRW kamen  am 06.05.2012 zahlreiche Besucher in das Haus der Geschichte (HdG) nach Bonn, um dem spannenden Vortrag des frisch gekürten Leipziger Buchpreisträgers zu lauschen. Bis auf den letzten Platz war der Saal belegt. Prof. Dr. Hans Walter Hütter, Präsident des HdG, hob zunächst in seiner Begrüßung hervor, dass das Thema über alle zeitlichen Grenzen hinaus aktuell bleibe und, dass es Timothy Snyder in beeindruckender Weise gelungen sei, den Untersuchungsraum des Massenmordens während des zweiten Weltkrieges neu zu definieren.

In seinem Vortrag, den Timothy Snyder auf Deutsch hielt, kam er zunächst auf die Bewohner der Bloodlands, jenem osteuropäischen Gebiet welches für Hitlers und Stalins machtpolitische Kampagnen entscheidend war zu sprechen.  Aus Briefen und Tagebucheinträgen von Bewohnern der Bloodlands lesend, trug er die Geschichte von einem Hungernden vor, der sein eigenes Grab schaufelt, um die Anonymität eines Massengrabes zu vermeiden sowie die Geschichten von Familien im Ghetto, die ihre Angehörigen vermissten. Galt doch die Familie als das Wichtigste, welches man in schweren Zeiten braucht.

Es waren nur zwei von 14 Millionen Schicksalsgeschichten aus den Bloodlands. Damit gab Timothy Snyder aber Einblick in seine Quellen und ließ Raum für Fragen: Wenn in den Bloodlands so viele Menschen umkamen, warum wurde die Tragweite dieser Tragödie nicht entsprechend erkannt? Als mögliche Antwort bot Snyder an, dass der Mensch die Geschichte national betrachte. Die deutschen und die sowjetischen Gräueltaten würden als voneinander getrennt angesehen und entsprechend untersucht. Die Schnittmengen würden daher historisch nicht in vollem Umfang aufgearbeitet. Diese Trennung der Untersuchungsräume sei zwar bequem, aber die Geschichte habe nichts mit Bequemlichkeit zu tun, stellte Timothy Snyder fest. Entsprechend habe er in seinem Buch versucht, „Sonderbewusstsein“ zu vermeiden. Im Hinblick auf den Zweiten Weltkrieg stellte er fest, dass der Holocaust die schlimmste Katastrophe war, jedoch nicht die einzige. Das Massensterben in den Bloodlands sei zu großen Teilen gezielten Hungerkampagnen geschuldet - der größere Zusammenhang dürfe nicht unbeachtet bleiben. 

Der Yale Dozent erläuterte zudem, wie es dazu kam, dass das Hitler- und das Stalinregime in den Bloodlands militärisch aktiv wurden. Es habe sich bei beiden Kampagnen um neo-koloniale Projekte gehandelt, die die gleichen regionalen Teile Europas abdeckten. Der deutsch-sowjetische Nichtangriffspakt von 1939 sei zustande gekommen, da Polen für Hitler und Stalin ein Hindernis darstellte. Da jedoch die Ukraine der „Brotkorb“ für beide Parteien sein sollte, den aber nur einer kontrollieren konnte, kam es 1941 zum Deutsch-Sowjetischen Krieg.
Timothy Snyder betonte, dass Bloodlands keinesfalls einen Vergleich von einem Schrecken mit einem anderen beanspruche. Der Vergleich des Holocaust mit anderen Genoziden sei in Deutschland sehr umstritten. Er betonte jedoch, dass die übernationale Geschichtswissenschaft nicht ganz ohne Vergleich auskomme und ihn für mache Aussagen anstellen müsse, um handfeste Aussagen machen zu können. Vergleiche dürften entsprechend nicht tabuisiert werden.
Bevor Timothy Snyder sich einer regen Diskussion mit seinem Gesprächspartner Prof. Dr. Joachim  Scholtyseck und dem interessierten Publikum stellte, legte er seine Motivation für Bloodlands dar: aus Opferzahlen wieder Namen zu machen.

Seit 2001 lehrt Timothy Snyder an der Yale University als Bird White Housum Professor of History moderne politische Geschichte Osteuropas. Er hat zehn Jahre lang in Europa gelebt und geforscht und beherrscht fünf Sprachen fließend. Die Forschungsergebnisse Snyders sind nicht nur in Fachmagazinen veröffentlicht worden, sondern erscheinen auch regelmäßig in der New York Times.

Zusammenfassung: Julia Große-Vorholt, Amerika Haus e.V. NRW

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Mit freundlicher Unterstützung durch die Stiftung Haus der Geschichte Bonn

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